Basiswissen zum indischen Kastensystem

Basiswissen zum indischen Kastensystem

Indien ist ein Land voller Gegensätze. Unberührte Natur und pulsierende Metropolen, uralte Traditionen und Hightech, luxuriöse Wolkenkratzer und bitterarme Slums – Indien ist ein Land voller Gegensätze.

Mit gut 1,2 Milliarden Bewohnern belegt Indien hinter China Platz 2 der bevölkerungsreichsten Länder der Welt. Was die wirtschaftliche Situation angeht, so gehört Indien zu den größten Hoffnungsträgern unter den Schwellenländern. Schließlich ist das Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen Jahren konstant gewachsen. Dem wirtschaftlichen Aufschwung steht jedoch die große Armut gegenüber, in der rund vier von fünf Inder leben. Ein Grund für die sozialen Schwierigkeiten könnte das indische Kastensystem sein. Aber was hat es mit den Kasten eigentlich auf sich? Und welche Folgen hat das für die Gesellschaft?

Der folgende Beitrag vermittelt Basiswissen zum Kastensystem in Indien:

Die Ordnung des indischen Kastensystems

Das Kastensystem setzt sich aus vier Kasten zusammen. Diese vier Hauptkasten heißen Varnas und jeder Kaste ist eine Farbe zugeordnet. Die oberste Kaste bilden die Brahmanen. Dieser Kaste gehören Gelehrte und Priester an, die Farbe der Kaste ist Weiß. Als nächstes folgt die rote Kaste der Kshatriyas, der traditionell Krieger, Fürsten und höhere Beamte angehören.

Darunter folgt die Kaste der Vaishyas. Zu den Vaishyas gehören Kaufleute und Bauern, der Kaste ist die Farbe Gelb zugeordnet. Die unterste Kaste bilden die Shudras, bei denen es sich meist um Diener, Knechte und Tagelöhner handelt.

Die Kaste der Shudras ist mit der Farbe Schwarz verbunden. Neben den vier Varnas gibt es noch eine weitere Kaste. Ihr gehören diejenigen an, die auch die Unberührbaren, die Harijans oder die Parias genannt werden. Die Angehörigen der Kaste, meist Nachfahren der Ureinwohner Indiens, bezeichnen sich selbst aber als Dalits. Hierzulande wird im Zusammenhang mit den Dalits oft von den Kastenlosen gesprochen. Das ist so allerdings nicht richtig.

Die Dalits bilden nämlich eine eigene Kaste, nur wird diese Kaste nicht zu den Varnas des Kastensystems gezählt.

[Grafik Indisches Kastensystem]

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Nach hinduistischem Glauben gelten die Dalits als unrein. Oft üben sie Berufe aus, die ebenfalls als unrein angesehen werden. Solche Berufe sind beispielsweise der Wäscher, der Müllmann oder der Friseur.

Vor allem in ländlichen Regionen bleibt den Dalits auch heute noch der Zugang zu vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verwehrt. Ein Großteil der Menschen, die der Kaste der Unberührbaren angehören, lebt in Armut. Einer Volkszählung aus dem Jahre 2011 zufolge beträgt der Anteil der Dalits an der indischen Bevölkerung 16,6 Prozent. Im Unterschied zu den Dalits werden die Brahmanen als rein angesehen.

Da sie sich von den Unreinen möglichst fernhalten möchten, dürfen die Dalits oft keine Tempel besuchen und keine Brunnen nutzen, wo die Reinen zugegen sind. Außerdem müssen die Unreinen vielfach in separaten Siedlungen wohnen. Mahlzeiten, an denen Angehörige unterschiedlicher Kasten teilnehmen, oder gar Eheschließungen über Kasten hinweg, sind in vielen ländlichen Gegenden Indiens auch heute noch absolut undenkbar.

Die Ursprünge des indischen Kastensystems

Wie das indische Kastensystem entstanden ist, ist nicht eindeutig geklärt. Eine Theorie geht davon aus, dass die Kasten auf der Einteilung von Menschen nach ihrer Hautfarbe beruhen. Je heller die Haut eines Menschen war, desto höher war die Kaste, der er zugeordnet wurde.

Eine andere Theorie vermutet, dass sich die Farbgebung der Varnas an geistigen Werten orientiert. So sollten die Farben Auskunft über die Eigenschaften und die Qualitäten der Menschen geben. Der Hinduismus, der in Indien entstanden ist und dem mehr als 80 Prozent der Inder angehören, ist sehr stark auf die Varnas ausgerichtet. Auch die rituelle Reinheit, die den Kasten zugeordnet ist, spielt eine große Rolle.

Die Bedeutung des indischen Kastensystems

Indien wird oft die größte Demokratie der Welt genannt. Die demokratische Ordnung wurde in Indien auch noch nie ernsthaft in Frage gestellt. Trotzdem steht die Einteilung der Menschen in soziale Gruppen im Widerspruch zu den demokratischen Grundprinzipien. Wenn in Indien ein Baby zur Welt kommt, wird dieses Kind in eine bestimmte soziale Gruppe hineingeboren. Diese Gruppe heißt Jati und in Indien gibt es schätzungsweise rund 2.000 solcher Jatis.

Die Jati wiederum entscheidet darüber, welcher Kaste das Kind angehört. Ein Inder bleibt ein Leben lang an seine Jati gebunden. Aus einer sozialen Gruppe in eine andere soziale Gruppe zu wechseln, ist praktisch unmöglich. Das bedeutet aber letztlich auch, dass die Person zeitlebens an eine Kaste gebunden bleibt. Allmählich scheint das Kastensystem ein wenig an Bedeutung zu verlieren. Seit den 1930er-Jahren werden Positionen und Mandate in öffentlichen Einrichtungen in einer gewissen Anzahl mit Dalits besetzt.

Auch an den Universitäten gibt es einen Schlüssel für die Studienplatzvergabe an Dalits. Von den Angehörigen der höheren Kasten werden solche Vergünstigungen aber nicht unbedingt gerne gesehen. In der indischen Verfassung aus dem Jahre 1950 ist festgelegt, dass niemand wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Kaste diskriminiert werden darf. Bis dahin ist es aber sicher noch ein weiter Weg.

So haben zwar Angehörige aller Kasten die Möglichkeit, eine qualifizierte Ausbildung zu absolvieren und einen gut bezahlten Job zu finden. Auch gibt es genug Beispiele für Dalits, die es sehr weit gebracht haben, darunter die Parlamentspräsidentin Meera Kumar oder der ehemalige Staatspräsident K.R. Narayanan. Aber selbst in Großständen ist das alltägliche Leben noch stark vom Kastendenken beeinflusst, etwa wenn es um die Partnerwahl geht.

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Veröffentlicht von

Manfred Laue & Hong Cian Shok

Hier schreiben Manfred Laue, geboren 1964, reisender Geschäftsmann im asiatischen Raum, sowie Hong Cian Shok Baujahr 1988, Backpacker wohnhaft in Deutschland, der jedes Jahr sich mehrere Wochen in Asien aufhält. Wir möchten Wissenswertes über Reiseziele, Kulturen und Wirtschaft vermitteln.

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