Das Dorf der Puppen in Japan

Das Dorf der Puppen in Japan

Japan ist ein überaus faszinierendes Land. Weitläufige Naturlandschaften und hochmoderne Großstädte, altehrwürdige Traditionen und innovative Technologien scheinen hier keine Gegensätze zu sein, sondern eine selbstverständliche Verbindung einzugehen. Aber in Japan gibt es auch Skurriles. Ein Beispiel dafür ist die Katzeninsel Aoshima, auf der nur wenige Menschen, dafür aber umso mehr Katzen zu Hause sind. Ein anderes Beispiel ist das Dorf der Puppen, das Valley of the Dolls.

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Das Dorf der Puppen in Japan

Puppen soweit das Auge reicht

Wenn Touristen das kleine Dorf Nagoro auf der Insel Shikoku im Südwesten Japans ansteuern, eröffnet sich ihnen ein schaurig-schönes Bild. Denn anstelle von Menschen treffen sie hier fast nur auf leblose Puppen. Die Puppen sitzen wartend an der Bushaltestelle, ruhen sich von der Arbeit auf dem Feld aus, machen als Bauarbeiter ihre Mittagspause oder halten sich als Lehrer in den Klassenzimmern der Schule auf.

Von Weitem sehen die Puppen täuschend echt aus. Doch bei näherem Hinsehen wird klar, dass die Gestalten keine Gefühle oder Regungen zeigen, nicht sprechen und auch sonst keinerlei Leben in ihnen steckt.

So faszinierend und gruselig zugleich der Anblick auch sein mag, stellt sich natürlich jedem Touristen die Frage, was es mit den Puppen auf sich hat. Warum bevölkern sie Dorf? Und was ist mit den menschlichen Bewohnern? Fürchten sie die Puppen so sehr, dass sie sich nicht mehr auf die Straße trauen? Oder leben in dem Dorf etwa gar keine Menschen mehr?

Schwierige Lebensumstände in Nagoro

Die Schöpferin der Puppen ist die 65 Jahre alte Ayano Tsukimi. Die Frau ist verheiratet und hat eine Tochter. Doch sie teilt sich das Haus mit ihrem knapp 20 Jahre älteren Vater. Ihr Ehemann und ihre Tochter leben in Osaka. Denn in der Stadt haben beide einen Job und können ein besseres und schöneres Leben führen als in dem verlassenen Dorf.

In Nagoro hat die letzte Firma schon vor vielen Jahren ihren Betrieb eingestellt. Auch die Dorfschule musste schließen, weil es zuletzt nur noch zwei Schüler gab. Die jüngeren Leute haben in Nagoro weder Arbeit noch Zukunftsperspektiven und ziehen deshalb in die Städte. Die alten Einwohner sterben nach und nach aus.

Trotz dieser doch recht trostlosen Situation hatte sich Ayano Tsukimi vor gut zehn Jahren dazu entschlossen, in ihr altes Heimatdorf zurückzukehren. Eines Tages baute sie eine Vogelscheuche und stellte dabei fest, dass die Vogelscheuche vom Aussehen her ihrem Vater sehr ähnelte. So kam Ayano auf die Idee, von nun an Puppen zu entwerfen.

Die Optik der Puppen orientiert sich an Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten und Nachbarn. Einige dieser Vorbilder leben noch, andere sind bereits verstorben. Durch die Puppen sollen die toten Dorfbewohner eine neue Seele bekommen.

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Und auch Bewohner, die weggezogen sind, sollen in ihrer alten Heimat einen Stellvertreter in Form einer Puppe haben.

Zweigeteilte Meinungen

In Japan teilen viele den Glauben, dass nicht nur Menschen eine Seele haben, sondern dass auch Gegenstände wie eben zum Beispiel Puppen eine Seele annehmen können und dadurch zum Leben erwachen.

Aus diesem Grund haben einige Bewohner des Dorfes schlichtweg Angst vor den Puppen. Andere Leute können sich mit den Gestalten nicht anfreunden, weil sie einfach überall sind. Die paar Lebenden, die es in Nagoro noch gibt, fühlen sich von den inzwischen rund 350 Puppen regelrecht umzingelt und von den teils grimmig schauenden Gestalten ständig beobachtet.

Ayano Tsukimi lässt sich davon aber nicht beirren. Unermüdlich näht sie eine Puppe nach der anderen. Die Materialkosten finanziert sie durch Spendengelder, die sie von Touristen bekommt. Denn anders als die Dorfbewohner sind Touristen ganz angetan von der Idee und reisen extra nach Nagoro, um die vielen Puppen zu bewundern.

Die Puppenmacherin behandelt die Gestalten wie ihre Kinder und hat mit ihrer Arbeit gleichzeitig ein wirkungsvolles Mittel gegen ihre Einsamkeit gefunden. Auch ihr eigenes Haus ist voller Puppen, die ihr als stumme Weggefährten Gesellschaft leisten.

Besonders gerne näht Ayano Großmütter. Die größte Herausforderung bei der Herstellung ist das Gesicht und hier vor allem der Mund. Eine falsche Bewegung führt schon dazu, dass sich der Mund verschiebt und aus einer freundlich lächelnden Puppe eine grimmig Gestalt wird. In die inzwischen verlassene Schule ist ebenfalls wieder Leben eingekehrt.

In den Klassenzimmern und auf den Gängen sitzen Lehrer, Schüler und sogar der Direktor. Die ganze Szenerie sieht aus, als wäre das echte Leben auf skurrile Art eingefroren.

Auch sich selbst hat Ayano Tsukimi schon als Puppe verewigt. Sie sitzt im Garten und bewacht das Feuer oder ruht sich bei einem kleinen Nickerchen aus. Die Künstlerin glaubt fest an das ewige Leben und fürchtet sich deshalb nicht vor dem Tod. Und bis dahin hat sie ja alle ihre stummen Freunde, selbst wenn irgendwann vielleicht nur noch die Puppenmacherin und ihre Puppen in dem Dorf daheim sind.

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Hier schreiben Manfred Laue, geboren 1964, reisender Geschäftsmann im asiatischen Raum, sowie Hong Cian Shok Baujahr 1988, Backpacker wohnhaft in Deutschland, der jedes Jahr sich mehrere Wochen in Asien aufhält, sowie Christian Gülcan Betreiber und Redakteur dieser Webseite. Wir möchten Wissenswertes über Reiseziele, Kulturen und Wirtschaft vermitteln.

Ein Gedanke zu „Das Dorf der Puppen in Japan“

  1. Meiner Meinung nach etwas traurig, aber fasziniered.
    Ich werde mit meiner Freundin kommunizieren, ob sie nicht mal Lust habe, dahinzugehen – allerdings denke ich, dass ich die Antwort schon kenne, da sie eher „schreckhaft“ ist… 🙂

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